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So war das chiller Filmfestival 2015

Von Franziska Grammes

An diesem Tag waren die Kleinsten die Größten. Popcorn und Softdrinks gab es gratis mit dazu.

Beim chiller Festival zeigten Kinder und Jugendliche verschiedener Schulen und Einrichtungen Neuköllns den Kiez und dessen BewohnerInnen aus ihrer Perspektive. In dem vor drei Jahren ins Leben gerufenen Filmprojekt wurden in diesem Jahr im Cineplex Kino neun verschiedene Kurzfilme präsentiert. Für die ungewöhnlichen Perspektiven der jungen NeuköllnerInnen interessierte sich auch Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey.

Der neue James Bond Film ist nicht der Grund dafür, dass mehr als 40 Kinder am Nachmittag des 12. Dezember ins Cineplex in den Neukölln Arcaden stürmen. Denn auf der großen Leinwand gibt es heute etwas aufregenderes zu bestaunen, als Daniel Craig im Kampf gegen das Böse. Die Kinder wollen ihre eigenen Filme sehen. Zu kämpfen haben Sie darin weniger mit überzeichneten Schurken, als vielmehr mit alltäglichen Problemen. Viele Filme drehen sich beispielsweise um Flüchtlingspolitik. Eigentlich klar, dass das Thema auch die jüngsten NeuköllnerInnen beschäftigt. Mit Ihren Filmen laden die Kinder die ZuschauerInnen dazu ein, die Welt durch ihre Augen zu betrachten. Eine ungewöhnliche Perspektive. Die insgesamt neun Kurzfilme wurden im Rahmen des chiller Festivals umgesetzt.

Denisa und Denis während des Filmworkshops am Mariendorfer Weg im Frühjahr 2015.

Denisa und Denis während des Filmworkshops am Mariendorfer Weg im Frühjahr 2015.

Da ist zum einen Denis, ein Flüchtlingsjunge aus Bosnien und Herzegowina, der auf Initiative der Schillerwerkstatt von seiner Schwester Denisa porträtiert wird. Man sieht den 17-Jährigen, wie er im Hof der (ehemaligen) Notunterkunft am Mariendorfer Weg umhergeht und laut von einer Zukunft in Deutschland träumt. Eine nächste Einstellung zeigt den Breakdance begeisterten Jugendlichen beim ausgelassenen Tanz mit seinen HeimmitbewohnerInnen. Es ruckelt, es rauscht, es wackelt. Aber das macht nichts. Man ist hautnah dran an Denis, der sich jedoch nicht mehr selbst auf der Leinwand des Cineplex bewundern kann. Aufgrund der ungewissen Situation mussten er, seine Mutter und seine Schwester Deutschland schon nach wenigen Wochen wieder verlassen.

Neukölln aus Kinderperspektive

Beim chiller Festival stellten Neuköllner Kinder und Jugendliche ihre Kurzfilme vor.

Beim chiller Festival stellten Neuköllner Kinder und Jugendliche ihre Kurzfilme vor.

Unter der Leitung von Misja Goossens und Michael Zambrano von der Schillerwerkstatt, findet das Neuköllner Projekt bereits zum dritten Mal statt. Das Besondere dabei? Die Ideen für die einzelnen Filme kamen von den Kindern und Jugendlichen selbst. Unterstützt wurden sie dabei von den MitarbeiterInnen der unterschiedlichen Einrichtungen. Realisiert wurden die Kurzfilme an Schulen wie der „Karl-Weise-Grundschule“, dem „Albert Einstein Gymnasium“ in Britz und Freizeiteinrichtungen wie der „Schillerwerkstatt“, der „Kinderwelt am Feld“ oder der „Schilleria“. Das von Goossens und Zambrano ins Leben gerufene Festival will der Sicht von jungen NeuköllnerInnen eine Bühne geben. Ein wesentlicher Inspirations-Grundstein für diese pädagogische und dokumentarische Arbeit war Goossens Mitwirkung am Projekt „CineCita – La Mirada de Ella“. Im Rahmen dieses von Moviemiento e.V. initiierten Dokumentarfilm-Projektes ist ein internationales Team fünf Monate in den Anden unterwegs gewesen, um Mädchen und jungen Frauen ein Medium zu bieten ihre Sicht – la mirada de ella – zu präsentieren. Genauso wie damals könnte auch heute der Blick der Kinder und Jugendlichen auf ihre Umgebung kaum unterschiedlicher sein.

Unterschiedliche Perspektiven – unterschiedliche Kurzfilme

 Shahed aus Syrien (Mitte) war einer der Protagonistinnen. Ihre Geschichte wurde von Aya, Fatma, Feyza, Zaineb, Zobia, Isra und Nabilah der Schilleria porträtiert.

Shahed aus Syrien (Mitte) war eine der Protagonistinnen. Ihre Geschichte wurde von Aya, Fatma, Feyza, Zaineb, Zobia, Isra und Nabilah der „Schilleria porträtiert.

Die Mädchen der „Schilleria“ besuchen zum Beispiel die Flüchtlingsunterkunft in der Jahn-Sporthalle und sprechen dort mit der kleinen Shahed aus der syrischen Stadt Daraa. Die Kinder erfahren dabei, dass Flüchtlinge das erste halbe Jahr im Flüchtlingsheim leben müssen und sind sichtlich erstaunt. Die Jugendlichen des „Albert Einstein Gymnasiums“ in Britz rücken hingegen sich selbst in den Mittelpunkt. In kurzen Handyvideos geben die Gymnasiasten Einblicke in ihren Alltag. Man sieht sie mit dem Skateboard durch das idyllische Britz rasen, beim Fußballspielen oder beim Familienurlaub am Bosporus.

Wem gehört das Feld? 

Alen und Arezu im Interview zur Geschichte des Tempelhofer Feldes mit Hendrik Brauns von der Grün Berlin GmbH.

Alen und Arezu im Interview zur Geschichte des Tempelhofer Feldes mit Hendrik Brauns von der Grün Berlin GmbH.

Während die einen Kinder sich mit sich selbst oder mit den Menschen ihres Kiezes beschäftigen, geht es den anderen um die Gestaltung ihres Wohnumfeldes. Beim dem Kurzfilm der Kinder von „Kinderwelt am Feld“, einem interkulturellen Kinder-, Jugend- und Familienzentrum am Flugfeld, gehen die Kids der Geschichte des Tempelhofer Feldes auf den Grund. Sie stellen Fragen wie „seit wann gibt es das Tempelhofer Feld“ und „wem gehört das Feld eigentlich“. Rede und Antwort steht der sichtlich amüsierte Hendrik Brauns von der „Grün Berlin GmbH“, welche für die Bewirtschaftung des ehemaligen Flugfeldes verantwortlich ist. Interessant ist nicht nur die unterschiedliche Themenwahl, sondern auch die unterschiedliche Sichtweise der Kinder auf ihre jeweiligen Lebenssituationen.

Neuköllns Bürgermeisterin unter den KinobesucherInnen

 Unter den Zuschauern war auch Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey, die das Festival mit einer kurzen Rede eröffnete.

Unter den ZuschauerInnen war auch Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey, die das Festival mit einer kurzen Rede eröffnete.

Beim chiller Festival zeigen die Kinder, dass es sich lohnt, die Welt mit anderen Augen – eben den Augen eines Kindes – zu betrachten. Dieser Aspekt bewegte auch Franziska Giffey dazu, sich im Kino unter die ZuschauerInnen zu mischen. „Ich bin gespannt welche Themen für die Kinder wichtig sind und wie ihre Sicht auf die Dinge ist“, erklärt die SPD-Politikerin. „Kinder sind schließlich ein gutes Barometer für die Stimmung und das Stadtgefühl.“ Das Gefühl am Ende des chiller-Festivals ist auf jeden Fall ein ausgelassenes. Auch wenn nicht alle Kinder das ambitionierte Programm von zwei Stunden Länge bis zum Schluss durchgehalten haben, feiern die HeldInnen des heutigen Kinotages sich am Ende fröhlich und singend selbst. Sie haben in diesem Projekt nicht nur gelernt, mit Kameras umzugehen und Filme zu schneiden, sondern auch ihre Ideen umzusetzen. Und sie haben gelernt, dass die Erwachsenen und selbst die Bürgermeisterin von Neukölln diese Ideen interessieren. Eine Ehre die heute alleine ihnen, und nicht einmal James Bond zuteil wurde.

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