Dokuthek

Neugierig wie eine Katze

Einen Text über Beate Storni zu schreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Nicht weil es zu wenig zu berichten gäbe – ganz im Gegenteil – es ist einfach zu viel. Die 64-Jährige mit der silber-grauen wallenden Haarmähne, die sie nie zum Zopf gebunden, sondern immer offen trägt, kann fesselnd erzählen. Wenn sie mit rauchiger Stimme von ihrer Kindheit am Rande des Tempelhofer Flughafens berichtet, hört man die Tassen im Schrank wackeln und die Dächer vibrieren. Man sieht Kinderhorden durch die damals noch fast autofreien Straßenzüge laufen und erfreut sich an den hunderten Marktständen, die die Schillerpromenade säumten. Als junge Erwachsene zog sie weg aus dem Kiez – zunächst in die Gropius-Stadt, dann in die Weserstraße, die Sonnenallee und nach Tempelhof. Vor vierzehn Jahren kehrte die gelernte Heilerziehungspflegerin in ihre Heimat zurück und prägt den Schillerkiez seitdem mit ihrem Sinn für Nachbarschaftlichkeit und mit einem außergewöhnlichen ehrenamtlichen Engagement.

Du bist im Schillerkiez geboren und hast hier deine Kindheit verbracht. Wie war es für dich unweit des Tempelhofer Flughafens aufzuwachsen?
Es war eine viel ruhigere Zeit als heute, Autos gab es hier damals kaum. Wenn mal eins vorbei fuhr, haben alle geguckt und ansonsten konnten wir als Kinder einfach auf der Straße spielen. Wir waren viel hinten am Flughafen in dieser Schneise zwischen den Friedhöfen und haben da Unfug gemacht. In fast jeder oder in jeder zweiten Parterre-Wohnung war damals ein Gewerbe drin: Einer hatte nur Milch, der andere Schreibwaren, dann gab es Schuster und Schneider. Und zweimal in der Woche fand der große Schillermarkt statt. Der ging die ganze Schillerpromenade lang, in vier Reihen. Beim Einkaufen traf man sich und hatte immer Zeit für einen kurzen Plausch. Es war beschaulich und betriebsam zugleich.

Das klingt ziemlich idyllisch. Hat dich der Fluglärm damals gar nicht gestört?
Na ja, drei vier Mal am Tag, im Sommer zur Ferienzeit sogar noch mehr, musste das Geschirr zurückgeschoben werden. Das war Standard. Wenn sie manchmal zu tief rübergeflogen sind, hast du richtig gemerkt, wie das Dach bebt und das Haus wackelt. Und das waren ja noch die Propellermaschinen. Als die Düsenflugzeuge kamen, wurde es richtig laut: Manchmal, wenn der Fernseher lief, hatte man dann so weiße Krisselstreifen drin und dann war erst mal einen Moment Funkstille, auch Telefonieren ging gar nicht. Aber die Leute waren irgendwie alle daran gewöhnt. Nicht, dass man das jetzt schön gefunden hätte, aber man hatte sich irgendwie damit arrangiert.

Du bist als Jugendliche mit deinen Eltern aus dem Kiez weggezogen und erst 2004 zurückkehrt. Wie hatte sich der Schillerkiez in der Zwischenzeit verändert?
Es war ein bisschen trist, weil viele Leute weggezogen waren. Damals standen etliche Wohnungen leer. Nach und nach kamen dann junge Leute, die sich die schönen Altbauwohnungen – damals in den meisten Fällen noch mit Ofenheizungen – aus Kostengründen in WGs teilten. Das war aber eine langsame Entwicklung – zu der Zeit war der Flughafen ja auch noch in Betrieb.Du bist extrem gut im Schillerkiez vernetzt und engagierst dich seit Jahren ehrenamtlich für unterschiedliche Vereine wie „Kiez in Aktion“ und „Haus 104 Tempelhofer Feld“ oder auch für die Zeitung „Kiez und Kneipe“.

Foto: Anke Hohmeister

Was hat den Startschuss zu deinem ehrenamtlichen Engagement gegeben?
Gut vernetzt war ich hier schon immer. Auch in den Jahren, in denen ich in anderen Ecken gewohnt habe, habe ich die Drähte gehalten. Wie das mit dem Engagement angefangen hat, weiß ich noch ganz genau. Ich hatte eine Karte im Briefkasten, auf der stand: „Wer ist der engagierteste oder netteste Nachbar? Ihr Quartiersmanagement Schillerpromenade.“ Als ich das durchgelesen hatte, dachte ich mir nur: „Was ist denn das für eine Scheiße!“ Ich finde es egal, ob jemand zwei Stunden die Woche was macht oder jeden Tag zehn Stunden. Das kann man doch nicht werten. Ich bin dann in das QM-Büro marschiert und habe die gefragt, ob die noch ganz sauber ticken.Und wie war die Reaktion?Überrascht. Und dann haben sie gesagt: „Ja, das ist ja gut, dass man das so sieht. Dann kommen Sie doch vorbei.“ Und dann dachte ich, „Das sagst du mir nicht zweimal“ und habe angefangen mich im Quartiersrat zu engagieren, auch in der Hoffnung den alten Zusammenhalt wieder herzukriegen. Nachbarschaftshilfe, was heute so hochgehalten wird, das war ja früher eine ganz normale Sache. Man kannte sich im Haus, etliche haben voneinander Schlüssel gehabt und sich unaufgefordert wechselseitig geholfen. Eigentlich schade, dass solche Nachbarschaftlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist und dass man ein QM-Büro braucht, damit sich Leute treffen, die so etwas wieder anregen.

Wie ging es dann nach deinem Eintritt in den Quartiersrat weiter?
Ich habe dadurch natürlich Leute kennengelernt, die ich vorher nur vom Sehen kannte. Zu der Zeit hatte ich auch noch meinen Hund und war eh viel im Kiez unterwegs. Es kam dann eins zum anderen und wir haben den Verein „Kiez in Aktion“ gegründet, weil wir festgestellt haben, dass es wichtig ist, dass sich die Leute auch unabhängig vom QM treffen können. Dass wir dann Kooperationspartner vom Nachbarschaftsheim in der Mahlower Straße geworden sind, ist ein Glücksfall. Ich sehr hier täglich, wie das gebraucht wird. Die Nachbarn treffen sich zum Mittagstisch, verabreden sich auch mal lose. Als Ort der Vernetzung ist so ein Treffpunkt unbezahlbar.

Neben deinem Engagement im Nachbarschaftsheim setzt du dich leidenschaftlich für den Erhalt des Tempelhofer Feldes als Freifläche ein.
Das Feld ist einfach unbezahlbar. Die Weite dort, die gute Luft – das finde ich schützenswert. In puncto Bebauung wird ja oft gesagt, dass es nur um partikulare Interessen der Anwohner geht, die nicht wollen, dass man ihnen was vor die Sonne stellt. Das ist totaler Quatsch. Wer sich ein bisschen mit Luftaustausch und Klimaschutz beschäftigt, weiß, dass so große unbebaute Flächen ein Segen für eine Stadt und die Menschen sind, die in ihr wohnen. Und um genau das zu schützen und zu erhalten, habe ich 2012 den Verein 100 % THF mitgegründet. Daraus hat sich dann auch das Engagement für die ehemalige Wetterstation des Feldes, das Haus Nr. 104 ergeben. Das ist ein Ort für Bürgerbeteiligung, für Ausstellungen und Sitzungen, für all das, was von den Leuten, die das Feld bespielen gebraucht wird.

Foto: Anke Hohmeister

Dein ehrenamtliches Engagement entspricht vom zeitlichen Umfang her mit Sicherheit einer Vollzeitstelle …
ja, das stimmt. Für mich hat das Ehrenamt aber einen entscheidenden Vorteil: Ich bin nicht diesem Druck ausgesetzt, das ich das unbedingt machen muss. Klar trifft man Vereinbarungen und ist verlässlich, aber ich mache das, weil es mir wichtig ist und Spaß macht und hier ein tolles Team zusammenarbeitet. Im Ernstfall könnte ich mich hier von der einen auf die anderen Minute auch umdrehen und gehen. Mit einem Arbeitsvertrag ginge das nicht.

Gibt es Eigenschaften, von denen du sagen würdest, dass sie dein ehrenamtliches Engagement begünstigen?
Ich interessiere mich prinzpiell erst mal für alles und bin neugierig wie eine Katze. Und mir sind die kleinen alltäglichen Freundlichkeiten wichtig. Manchmal reicht ja schon ein „Guten Tag“ oder ein Lächeln, dass sich jemand wahrgenommen fühlt.

Wenn deine Eltern noch leben würden, was denkst du, wie würden sie den Schillerkiez im Jahre 2019 finden?
Mein Vater würde das schon toll finden mit den ganzen jungen Leuten, die hier sind. Der würde allerdings auch darauf bestehen, dass die spätestens ab 24 Uhr die Klappe zu halten haben und dass auf den Straßen Ruhe wäre, damit man mal ruhig schlafen kann. Und ob die Alten es so toll finden würden, wenn da noch eine Galerie und noch ein Café aufmacht, aber kein guter Bäcker mehr da ist, bei dem du mal eine anständige Berliner Schrippe kaufen kannst, weiß ich nicht. Einerseits ist das schön, dass hier Bewegung drin ist und man wird ja auch nicht dümmer, wenn man sich mit Leuten aus anderen Ländern unterhält. Andererseits bleiben viele nur für eine kurze Zeit und identifizieren sich dann nicht mit dem Kiez. Dadurch geht die Gemütlichkeit ein bisschen flöten.

Was würdest du dem Schillerkiez wünschen auf längere Sicht?
Nette Touristen. Und vielleicht ein paar weniger. Und vor allem, dass die offiziellen und eher noch die inoffiziellen Ferienwohnungen wieder dem Wohnungsmarkt zugeführt werden. Und nicht, dass du hier diese ganzen Feiertouristen hast, die sich teilweise wie offene Hosen benehmen und nachts grölend rumrennen und ihren Müll überall hinschmeißen. Viele der Hipsterkneipen, die wie Pilze aus dem Boden schießen und nach zwei Jahren wieder verschwenden, werden von den eingeborenen Schillerkiez-Bewohnern ja auch gar nicht benutzt, weil sie viel zu teuer sind. Der angestammte Neuköllner geht lieber ins Syndi, Schillers oder in den Frosch.

Dieses Interview ist im Dezember 2018 in unserem Magazin „Kiezköpfe“ erschienen.