Dokuthek, Donaukiez

„Was uns trennt, ist soziale Kälte“

Nader, Medienjournalist und Gründer der Initiative „Handicap als Chance“, spricht in der neuen Ausgabe der Donauwelle darüber, wie man Inklusion möglich machen kann.

Du hast die Initiative „Handicap als Chance“ ins Leben gerufen. Was möchtest du damit bewegen?

Ob in Schule, Kindergarten oder in anderen öffentlichen Einrichtungen – überall gibt es Berührungsängste in Hinblick auf Menschen mit Handicap. Diese Menschen sind wenig sichtbar und es wird auch kaum etwas dafür getan, dass sich das ändert. Mit „Handicap als Chance“ möchte ich Themen wie Barrierefreiheit im Alltag, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe in den medialen Fokus rücken. Geplant sind Interviews mit Menschen mit Handicap, in denen sie von ihren Alltagserfahrungen berichten. Und auch ein Buch, Hörbuch und ein Dokumentarfilm sollen ein breites Publikum für die Thematik sensibilisieren.

Du vermeidest in deinem Sprachgebrauch das Wort „behindert“. Warum?

Das Wort „behindert“ ist in der deutschen Sprache negativ besetzt und nicht mehr zeitgemäß. Es wird auch oft als Schimpfwort benutzt. Ich bevorzuge deshalb das Wort Handicap. Wenn man von einem Handicap spricht, gibt es keine Trennung zwischen einem gesunden und kranken Menschen. Ein Handicap muss nicht nur als Defizit begriffen werden, es ist gleichzeitig auch eine Chance, die Welt aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen.

Wie schätzt du die Situation für Menschen mit Handicap in Neukölln, speziell im Donaukiez, ein?

Meine Wahrnehmung ist, dass es Unsicherheit, Angst und Blockaden gibt. Viele Menschen mit Handicap trauen sich nicht am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und es wird ihnen auch schwer gemacht. Der Donaukiez z.B. ist voller Barrieren, ob in Cafés, Läden oder sozialen Einrichtungen. Es gibt hier nicht genug offene Orte, weshalb Menschen mit Handicap lieber zu Hause bleiben. Was uns trennt, ist soziale Kälte.

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um diese Situation zu ändern?

Schon in den Schulen könnte eine Sensibilisierung stattfinden, wenn die Sozialarbeiter*innen Inklusion möglich machen. Und ganz wichtig ist der Abbau von Barrieren. Wenn ein Geschäft für einen Menschen mit Handicap zugänglich ist, ist schon ein erster Schritt getan. Für die Zukunft wünsche ich mir eine natürliche, authentische Umgangsweise. Schließlich verbindet uns viel mehr, als das uns trennt.

Mehr Artikel und Interviews aus der Donauwelle vom 1. Juli 2020 findet ihr hier.