Die Kneipen im Donaukiez waren immer mehr als nur ein Tresen: Sie sind Wohnzimmer, Bühne, Zuflucht. Eine Kneipentour durch die Jahrhunderte.
von Eric Friedewald

Als der Donaukiez noch aus Wiesen und Feldern bestand, eröffnete 1737 an der heutigen Karl-Marx-Straße 2 das Wirtshaus Rollkrug, ein früher Pionier des späteren Siegeszuges der Kneipen: 1905 gab es in Berlin eine „Schenke“ pro 157 Personen. Den Spielraum in den Kneipen brauchte es vor allem aufgrund der beengten Wohnverhältnisse. Wer kein Wohnzimmer hatte, musste sich andere Orte suchen.
„In Rixdorf ist Musike“ hieß es damals und das war definitiv der Fall: Das Nachtleben der damaligen Stadt hatte sich im ganzen Kaiserreich einen berüchtigten Ruf gemacht. Zu viel für den bürgerlichen Magistrat, der mit rasanter Stadtentwicklung und einem neuen Namen das Image Rixdorfs retten wollte: Neukölln war geboren. Der alte Rollkrug musste 1907 der wachsenden Stadt weichen.
Nach einer Hochzeit des Nachtlebens in den 1920er-Jahren verengte sich der Spielraum unter dem nationalsozialistischen Terror dann zusehends. So hatte die SA in der Weichselstraße 8 eine Kneipe, in der politische Gegner schwer misshandelt wurden. In der Pannierstraße hingegen befand sich die Stammkneipe der Rennradsparte des Arbeitersportvereins Fichte, die über die Jahre mit dem Neuköllner Widerstand verknüpft war.
In den Nachkriegsjahren begann dann das (Eck-)Kneipensterben in der aufkommenden Berliner Wohlstandsgesellschaft. Die Kneipe wurde als erweitertes Wohnzimmer weniger wichtig. Im Donaukiez erlebte sie zuletzt jedoch ein Revival. Im neuen Jahrtausend sprossen hier Kneipen nur so aus dem Boden. Und auch die vielen neuen Shisha-Bars bieten einiges an Spielraum.
Doch dieser Boom ist vorbei. Während Corona schloss eine der letzten Eckkneipen im Kiez: “Zur Traube” gab es seit 1899. Das veränderte Ausgehverhalten, die steigenden Preise und der unregulierte Markt für Gewerbemieten setzen auch der jüngeren Generation an Kneipen seit Jahren stark zu. Die Gesellschaft verändert sich, vielleicht braucht es heute keine Kneipe an jeder Ecke. Aber wir brauchen den Spielraum. Damit im Donaukiez auch in Zukunft noch “Musike” ist.

Dieser Beitrag erschien am 16. Dezember in der Print-Ausgabe der Donauwelle 12/2025. Die Donauwelle wird im Rahmen des Projektes „Wir sind der Donaukiez“ erstellt. Dieses Projekt wird gefördert durch die Bundesrepublik Deutschland und das Land Berlin im Rahmen des Städtebauförderprogramms Sozialer Zusammenhalt – Zusammenleben im Quartier gemeinsam gestalten.
