In Deutschland sind mehr als 1,3 Millionen Menschen glücksspielsüchtig*. Darunter auch viele Menschen aus der Türkei. Kazım Erdoğan vom Verein Aufbruch Neukölln hat eine türkischsprachige Selbsthilfegruppe für glücksspielsüchtige Männer ins Leben gerufen.
Von Zeynep Dişbudak

Warum richtet sich die Selbsthilfegruppe nur an Türkischsprechende?
Die meisten Teilnehmer sind Männer, die aus der Türkei nach Deutschland gezogen sind und noch nicht gut Deutsch sprechen. In deutschsprachigen Gruppen verstehen sie den Inhalt nicht. Nach einer Weile verlieren sie das Interesse und kommen nicht mehr. Deshalb bieten wir diese Hilfe gezielt für türkischsprachige Betroffene an.
Was sind Ihrer Meinung nach die größten Ursachen, dass Menschen spielen?
Geldgier, Armut, Verzweiflung… Sie suchen die „Lichtblicke“ – Musik, Automaten, die Unterhaltung –, um die unglücklichen Seiten ihres Lebens zu vergessen.
Wer ist besonders anfällig für diese Sucht?
Zum Beispiel sogenannte ‘ithal damatlar’ – Männer, die über die Ehe aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. In den ersten Jahren arbeiten sie oft nicht und leben isoliert. Sie gehen ins Kaffeehaus und fangen zu spielen an. Oder diejenigen, die sich zu Hause langweilen, sich vom Partner kein Taschengeld geben lassen wollen, Beziehungsprobleme haben oder Geld an ihre armen Familien in der Türkei schicken möchten. Es gibt viele solcher Situationen.
Welche konkreten Bedürfnisse haben die Betroffenen?
Einige sagen: „Wenn ich meine Schulden bezahlen könnte, wenn mich niemand mehr bedrängt, wenn ich ohne Sorgen rausgehen könnte…“ Doch den Ausweg sehen sie weiterhin oft im Spielen.
Ich übernehme dabei gewissermaßen eine Art „soziale Bankfunktion“. Ein Teilnehmer sagt mir zum Beispiel, wie viel Geld er wöchentlich benötigt, ich gebe es ihm, er erledigt seine Einkäufe und bringt mir die Quittungen. Manche überlassen mir ihre Karten. Das dient auch als eine Form von sozialer Kontrolle.
Wie viele nehmen an der Gruppe teil?
Je nach Woche sind wir 5–15 Personen. Der Bedarf ist aber größer, als wir vermuten.
Wie läuft ein typisches Treffen ab?
Wir beginnen mit der Frage: „Wie war deine Woche? Gibt es positive Neuigkeiten?“ Positive Erfahrungen zu teilen, ist sehr wichtig. Danach fragen wir, worüber sie sprechen möchten. Es ist entscheidend, dass die Themen von ihnen selbst kommen. Offene, gleichwertige Kommunikation ist die beste Therapie.
Die Treffen finden jeden Montag von 16:00 bis 17:45 Uhr im Büro von Aufbruch Neukölln e.V. (Uthmannstr. 17–19) statt. Telefon: +49 30 60928104
*Quelle: Glücksspielatlas Deutschland 2023
